Der Speierling in Wehrheim

Seltener Baum, besondere Frucht

Speierling Speierling der Speierlingsallee Rodheimer Straße in Wehrheim | Bild: Michael Pyper

Der Speierling (Sorbus domestica) ist einer der seltensten heimischen Wildobstbäume. Mit seinen gefiederten Blättern erinnert er an die Eberesche, doch seine Früchte machen ihn unverwechselbar: Die kirsch- bis kleinen apfelgroßen Früchte werden erst braun und teigig richtig genießbar. Dann entwickeln sie ein süßes, würziges Aroma.

In Wehrheim lässt sich diese besondere Baumart gleich an mehreren Exemplaren entdecken. Die Speierlingsallee erinnert daran, dass Artenvielfalt nicht irgendwo weit entfernt beginnt, sondern direkt vor unserer Haustür.

Ein seltener heimischer Wildobstbaum

Der Speierling gehört zur Gattung Sorbus und damit zu einer Verwandtschaft, zu der auch Eberesche, Elsbeere und Mehlbeere zählen. Er ist eine wärme- und lichtliebende Baumart und kommt in Deutschland vor allem in wärmebegünstigten Regionen vor. Besonders wohl fühlt er sich auf sonnigen, eher trockenen und nährstoffreichen Standorten.

Der Baum wächst langsam, kann aber sehr alt werden. Unter günstigen Bedingungen sind mehrere hundert Jahre möglich. Seine ausladende Krone und die auffälligen Früchte machen ihn zu einem charakteristischen Bestandteil traditioneller Kulturlandschaften.

Trotz seiner Robustheit gegenüber Hitze und Trockenheit ist der Speierling in Deutschland selten geblieben. Er wächst meist einzeln oder in kleinen Gruppen und kann sich gegenüber schneller wachsenden und beschattenden Baumarten nur schwer behaupten.

Erst herb, dann süß

Die Früchte des Speierlings sind zunächst alles andere als ein Genuss. Unreif enthalten sie viele Gerbstoffe und schmecken deshalb herb und stark zusammenziehend. Erst wenn sie braun und teigig werden, sind sie genießbar und entwickeln ihr charakteristisches süß-würziges Aroma.

Auch der ungewöhnliche Name des Baumes wird häufig mit diesem Geschmack in Verbindung gebracht: Unreife Früchte können einen dazu bringen, sie wieder auszuspucken. Die tatsächliche Herkunft des Namens ist allerdings nicht eindeutig geklärt.

Die Früchte reifen im September und Oktober. Sie ähneln kleinen Äpfeln oder Birnen und können je nach Baum unterschiedlich geformt und gefärbt sein.

Vom Mostzusatz bis zum edlen Brand

Der Speierling wurde schon seit Jahrhunderten als Obstbaum genutzt. Besonders bekannt ist seine Verwendung im Apfelweinbau.

Halbreife Früchte wurden traditionell ausgepresst und ihr gerbstoffreicher Saft dem Apfelmost zugesetzt. Er verbessert Geschmack, Farbe und Haltbarkeit des Mostes. In der Frankfurter Region hat diese Tradition bis heute überlebt: Ein Apfelwein mit Speierlingssaft wird als „Speierling“ bezeichnet.

Aus den vollreifen Früchten lassen sich außerdem Konfitüren, Mus und andere Spezialitäten herstellen. Auch für Obstbrände werden Speierlingsfrüchte verwendet.

Wertvoll für Mensch und Natur

Der Speierling ist nicht nur wegen seiner Früchte interessant. Seine weißen Blüten erscheinen im Mai und werden von Bienen und anderen Insekten besucht. Auch Vögel und Säugetiere können von seinen Früchten profitieren.

Besonders wertvoll ist zudem sein Holz. Es ist sehr hart, schwer und fein gemasert. Wegen seiner besonderen Eigenschaften wurde es traditionell unter anderem für Drechselarbeiten und hochwertige Holzprodukte verwendet. Heute ist Speierlingsholz wegen der Seltenheit der Baumart nur in kleinen Mengen verfügbar.

Ein Baum mit Geschichte

Der Speierling war in Deutschland lange Zeit so selten geworden, dass seine Zukunft gefährdet schien. 1993 wurde er deshalb zum „Baum des Jahres“ gewählt. Die Auszeichnung machte die bis dahin wenig bekannte Baumart bundesweit bekannt und gab ihrer Erhaltung wichtige Impulse.

Auch in Wehrheim hat diese Entwicklung Spuren hinterlassen.

Der BUND Wehrheim nahm die Wahl zum Baum des Jahres zum Anlass, Ende der 1990er-Jahre zwölf junge Speierlinge aus einer Baumschule in Lothringen zu beschaffen. Mit Zustimmung der Gemeinde Wehrheim wurden sie gepflanzt. Aus diesen Pflanzungen entstand die Speierlingsallee, die heute an die Bedeutung seltener heimischer Baumarten erinnert.

Warum der Speierling auch heute wichtig ist

Der Speierling verbindet viele Aspekte unserer Kulturlandschaft: Er ist Wildobstbaum, Lebensraum und Nahrungsquelle für Tiere, wertvoller Holzlieferant und zugleich ein Stück Kulturgeschichte.

Seine besondere Fähigkeit, auch mit Hitze und längeren Trockenperioden zurechtzukommen, macht ihn zudem im Hinblick auf den Klimawandel interessant. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Speierling deshalb automatisch häufig werden wird. Er braucht viel Licht und hat gegenüber konkurrenzstärkeren Baumarten einen entscheidenden Nachteil: Wird er dauerhaft beschattet, kann er sich nur schwer behaupten.

Der Erhalt solcher seltenen Baumarten braucht deshalb Aufmerksamkeit und Pflege. Dazu gehört auch, geeignete Standorte zu erhalten und neue Speierlinge zu pflanzen.

Artenvielfalt beginnt vor unserer Haustür

Die Speierlingsallee in Wehrheim ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer vergleichsweise kleinen Pflanzaktion ein dauerhaft sichtbarer Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt werden kann.

Wer an den Speierlingen vorbeikommt, kann im Frühjahr die Blüte beobachten und im Herbst nach den charakteristischen Früchten Ausschau halten. Vielleicht entdeckt man dabei auch, dass Artenvielfalt oft dort besonders anschaulich wird, wo man täglich vorbeikommt.

Der Speierling zeigt: Artenvielfalt beginnt direkt vor unserer Haustür.

Der Speierling im Jahreslauf

Bilder: Michael Pyper (1,3,4,5), Michael Kranewitter CC-BY-SA_3.0 (2), Mi. Joergens CC-BY-SA_4.0 (6)